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Barrierefreiheit kostet fast nichts, wenn man früh plant

Eine Spalte per Maus zu verschieben dauert zwei Sekunden. Ohne Maus ist dieselbe Funktion eine Sackgasse. Warum Barrierefreiheit kein Tauschgeschäft ist und was sie wirklich kostet, hängt allein davon ab, wann man die richtigen Fragen stellt.

Philipp Wallutis

CPO & Co-Founder

Barrierefreiheit
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WCAG
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Eine Tabelle voller Zahlungsdaten. Wer die Spalten lieber in anderer Reihenfolge hätte, greift zur Maus, zieht die Spalte an ihre neue Position, fertig. Zwei Sekunden, keine Anleitung nötig. So soll Software sein.

Jetzt dieselbe Tabelle, aber ohne Maus. Vielleicht wegen einer motorischen Einschränkung, vielleicht wegen eines Tremors, vielleicht weil ein Screenreader den Bildschirm vorliest und es keinen Mauszeiger gibt, dem man folgen könnte. Die Spalte lässt sich nicht greifen. Es gibt keine Fehlermeldung, keinen Hinweis, keinen Umweg. Die Funktion ist nicht schwer zu bedienen. Sie existiert für diesen Menschen schlicht nicht.

Der Moment, in dem man es zum ersten Mal sieht

Ich erinnere mich gut an den Moment, in dem ich das verstanden habe. Als ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) beschäftigt habe, dem internationalen Standard für barrierefreie Software, war Drag and Drop eines der Beispiele, das mich am meisten überrascht hat. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass ausgerechnet eine Interaktion, die als besonders intuitiv gilt, jemanden vollständig ausschließen kann. Intuitiv, ja. Aber intuitiv für wen?

Seit diesem Moment schaue ich anders auf Software, auch auf unsere eigene. Und ich vermute, den meisten Menschen, die Software bauen oder kaufen, geht es wie mir damals: Es fehlt nicht an gutem Willen. Es fehlt an der Frage.

Das Tauschgeschäft, das es nicht gibt

Wenn Barrierefreiheit auf den Tisch kommt, liegt in vielen Teams eine stille Annahme darunter: Jetzt müssen wir etwas opfern. Das elegante Feature weicht der zugänglichen Variante, die Oberfläche wird umständlicher, die Mehrheit zahlt für die Minderheit. Entweder schön oder barrierefrei.

Unsere Erfahrung ist eine andere: Dieses Tauschgeschäft existiert nicht.

Das Spalten-Beispiel von oben stammt aus unserer eigenen Software. Die Lösung bestand nicht darin, Drag and Drop zu entfernen. Sie bestand darin, der Funktion einen zweiten Weg zu geben: Neben jeder Spalte stehen Pfeile, mit denen sie sich per Klick oder Tastatur nach vorn und hinten bewegen lässt. Wer die Maus nutzt, zieht wie bisher. Wer sie nicht nutzen kann, drückt die Pfeile. Dieselbe Aufgabe, zwei Wege, und keiner nimmt dem anderen etwas weg. Kein Nutzer hat durch diese Änderung irgendetwas verloren. Einige haben eine Funktion gewonnen, die es für sie vorher nicht gab.

Was Barrierefreiheit wirklich kostet

Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, wann man fragt.

Die Frage „Wie macht das jemand ohne Maus?" kostet in der Konzeptionsphase eine halbe Minute. Wer sie stellt, baut den zweiten Weg von Anfang an mit, und er ist kaum teurer als der erste. Wer sie nicht stellt, baut die Sackgasse ein, ohne es zu merken, und dann wird die Nachrüstung tatsächlich zum Projekt. Nicht Barrierefreiheit ist aufwendig. Vergessene Barrierefreiheit ist es.

Das Muster kennen Finanzverantwortliche aus dem eigenen Fachgebiet: Interne Kontrollen nachträglich in gewachsene Prozesse einzuziehen ist mühsam. Von Anfang an mitgedacht sind sie einfach Teil des Prozesses.

Und das Prinzip trägt weiter als bis zur Tabelle. Ein Warnhinweis, der nur über die Farbe Rot kommuniziert, ist für Menschen mit Farbsehschwäche unsichtbar; ein Symbol und ein Text daneben kosten nichts und helfen nebenbei jedem, der im Gegenlicht auf den Bildschirm schaut. Ein Dialogfenster, das den Tastaturfokus sauber führt, hilft dem Screenreader-Nutzer und ebenso der Sachbearbeiterin, die zweihundert Vorgänge am Tag lieber ohne Maus abarbeitet. Barrierefrei gebaut heißt in aller Regel: gut gebaut.

Warum wir das tun, ohne zu müssen

Als Anbieter von Unternehmenssoftware sind wir, Stand heute, gesetzlich nicht verpflichtet, barrierefrei zu entwickeln. Die entsprechenden Vorgaben zielen bislang vor allem auf Software für Verbraucher. Wir haben uns trotzdem dazu entschieden, unsere Software nach WCAG zu entwickeln, und zwar nicht als einmaliges Projekt mit Abschlussdatum, sondern als Frage, die bei jedem neuen Feature von Anfang an auf dem Tisch liegt.

Der Grund ist zum Teil ein persönlicher. Ich weiß aus meiner eigenen Familie, was gelungene Inklusion im Alltag bedeutet, und dass sie selten von großen Gesten lebt. Sie lebt davon, dass viele Beteiligte an vielen kleinen Stellen ihren Teil beitragen. Ein Softwarehersteller kann seinen Teil an einer sehr konkreten Stelle beitragen: an der Tabelle, an der Spalte, an dem zweiten Weg.

Im Banking Connector setzen wir das genau so um: Jede Interaktion, die sich mit der Maus erledigen lässt, lässt sich auch per Klick und Tastatur erledigen. Wie das im Detail aussieht, zeigen wir gern.

Eine Frage mehr im Kopf

Barrierefreiheit ist kein zweites Produkt neben dem ersten. Es ist dieselbe Software, entwickelt mit einer Frage mehr im Kopf: Wie erreicht diesen Punkt jemand, der einen anderen Weg braucht? Wer diese Frage früh stellt, bekommt die Antwort fast geschenkt.

Und die Spalte, die sich nicht verschieben ließ, ist dann keine Sackgasse mehr, sondern nur noch eine Spalte mit zwei Wegen dorthin, wo sie hingehört.

FAQ

Was sind die WCAG und gelten sie für Unternehmenssoftware?

Warum ist Drag and Drop ein Barrierefreiheitsproblem?

Ist barrierefreie Softwareentwicklung teurer?

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